Eine Empfehlung
Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal schreibe was ich gleich schreiben werden, aber man kann sich ja auch mal getrost selbst überraschen. Aber, der Reihe nach, zuerst einmal ein paar Gedanken.
Über die Wahl von gestern zu diskutieren ist nicht ganz einfach, die Nachwahlkommentare häufen sich, die Standpunkte wiederholen sich, das Ergebnis ist schon ein Teil der Geschichte geworden. Dennoch, man muss darüber diskutieren, auch wenn schon viel gesagt wurde.
Zuerst einmal: zu sagen, das Ergebnis wäre nicht überraschend, halte ich für eine glatte Lüge. Die Zugewinne der FPÖ waren, ja, vorhersehbar, aber in diesem Ausmaß müssen sie für jede/n überraschend gewesen sein. Ich glaube sogar für HC himself.
Der Hintergrund dieses Ausgangs ist wie immer schwer bestimmbar, nebulös und dennoch interessant, und deshalb wage ich hier eine These: das Problem der Verlierer dieser Wahl ist, dass sie nicht nur nicht wählbar für viele waren, sondern, dass sie nicht mehr empfehlbar sind.
Eine kleine Erläuterung: im letzten Brand Eins war ein wunderbarer Artikel über den Net Promoter Score (NPS) zu lesen (leider nicht online), eine pseudowissenschaftliche aber immerhin durchdachte Methode zur Operationalisierung der einfachen Frage: “Würden Sie X einem Freund oder Kollegen empfehlen?”, wobei X in der Regel für ein Produkt oder eine Dienstleistung steht.
Auf die Politik angewendet, würde das in vermutlich heißen: “Würden Sie einem Freund oder Kollegen empfehlen Y zu wählen?”, wobei Y hier für eine Partei oder auch Person stehen kann. Und hier orte ich das Grundproblem.
Während es vor gar nicht allzu langer Zeit durchaus noch möglich und sogar üblich war “Wahlempfehlungen” auszusprechen, ist es heute weder sozial erwünscht, noch ruhigen Gewissens möglich. Das gilt in hohem Masse für jene Parteien in Wien, die zu den Verlierern zählen.
Wer empfiehlt schon gerne eine “linke Chaostruppe” die sich herzzerreissend selbst devastiert, obwohl die Spitzenkandidatin ehrlich und professionell kämpft und auftritt?
Wer empfiehlt schon gerne eine orientierungslose Ex-Volkspartei, deren komatöses Wanken zwischen liberal-urbaner Bürgerlichkeit und unwürdiger Law-and-Order Politik nicht einmal die eigene Klientel mehr verstehen kann?
Wer empfiehlt eine dicke alte Dame, in Gestalt eines omnipräsenten Gottseibeiuns, dessen fragwürdige Geiselhaft die Stadt in vielen Bereichen ärmer und nicht lebenswerter macht?
Auch wenn das so wirken mag, so beurteile ich das nicht aus meiner persönlichen Perspektive, ich kann vieles davon gut nachvollziehen, zitiere hier aber eher jene Wählerschaft die normalerweise für komfortable Mehrheiten und sichere Verhältnisse gesorgt hat.
Und Achtung: das Ergebnis der FPÖ alleine mit der “Ausländerfrage” zu erklären, halte ich für den größten Irrtum den es überhaupt gibt. Das ist Humbug. Das hilft lediglich der Vertuschung der eigentlichen Problematik: die SpitzenkandidatInnen sind kaum ein attraktiver Wahlgrund, die Ratlosigkeit / Selbstzerstörung / Sklerose sind offensichtlich und Gegenmittel kaum in Sicht.
Strache empfiehlt man gerne. Da zieht der Spitzenkandidat und das pointierte Programm. Auch wenn das nur in gewissen sozialen Schichten und Milieus geht, ist das der Grund für die Ergebnisse: man kann und will die FPÖ empfehlen, weil es zwar aneckt aber mutig ist. (Auch wenn es wohl mittlerweile genauso mutig gelten kann, die ÖVP zu empfehlen.)
Genug der scharfen Kommentare, man muss einen solchen Beitrag wohl mit ein paar Empfehlungen schliessen, und das ist nun der Teil den ich selbst vor einiger Zeit nicht geglaubt hätte:
Ich empfehle eine Rot-Grüne Regierung. Weil eine SPÖ die über die ÖVP hinwegregiert, keinen Grund hat zur Besinnung zu kommen. Die Grünen könnten die SPÖ ein wenig auf Trab bringen und die Stadt ein bisschen in Bewegung bringen.
Für die Grünen wäre das die echte Herausforderungen Strukturen zu entwickeln die tragfähig (man möchte fast das Unwort “staatstragend” verwenden) sind und mehr als nur eine Legislaturperiode überdauern. Obwohl ich mich wirklich frage ob man diese Grünen echt mit einer Regierungsbeteiligung belohnen sollte. Vermutlich wirkt da meine Überzeugung, dass Maria Vassilakou eine kompetente und phantasievolle Politikerin ist stärker als mein Groll.
Der ÖVP Wien wünsche ich aus ganzem Herzen eine ernsthafte Krise. So stiefmütterlich wie mit der Hauptstadt in den letzten Jahrzehnten umgegangen wurde, ist das Wahlergebnis weder Hahn noch Marek zuzuschreiben, sondern ein Resultat der Schluderei seit Görg. Ich kann es einfach nicht glauben und fast nicht ertragen, dass in Wien nur 13 Prozent ein grundsätzlich vernünftiges bürgerlich-christlich-soziales Weltbild vertreten. Dass der bereits erwähnte Schleuderkurs zwischen Liberalität und Fekterismus dieses erodieren ließ ist auch offensichtlich. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit eine alte Busek Forderung umzusetzen: Neugründung. Weil so kann’s nicht weitergehen.
Edit: und nein, ich glaube nicht, dass die FPÖ in eine Regierung sollte, ich glaube nicht, dass die FPÖ sonst bei der nächsten Wahl übermächtig wird.

eine ganz leise, kleine Anmerkung:
So wie sich die Dinge seit Sonntag Abend entwickeln, scheint Deine Empfehlung auf sehr offene Ohren zu stossen. Auch bei Leuten, bei denen ich es nie für möglich gehalten hätte.
Comment by christoph chorherr — 11. October 2010 @ 23:27