Die Madonna der österreichischen Innenpolitik

Ich hab lange gezweifelt ob ich ein paar Gedanken dazu aufschreiben soll, es ist ja schon allzu viel gesagt und erzählt worden, in den letzten Tagen und Wochen, bleibt wenig übrig. Jetzt also doch.

Mich hat der Tod Jörg Haiders am Samstag stark beschäftigt. Nicht weil ich Haider vermissen würde, aber weil es plötzlich, unerwartet und heftig kam. Ging wohl vielen so, egal wo ich hinkam, überall war er Thema, überall war eine ähnliche Bedrückung uns Sentimentalität zu spüren. Nicht immer aus Sympathie, sondern eher Sentimentalität. Vermutlich auch, weil es in meiner Generation keinen Politiker gab, der so eine Konstante gewesen wäre, so geprägt hätte wie Jörg Haider.

Mich hat Jörg Haider stark politisiert. Ich erinnere mich an seinen Auftritt in Perchtoldsdorf, es muss 1992 oder 1993 gewesen sein, als wir mit einigen Klassenkollegen unser politisch-moralisches Gewissen entdeckten und uns als Aufmüpfige unter die (überschaubare) Menge älterer Damen und Herren mischten um mit Buh Rufen die Veranstaltung zu stören. Wir hörten damals viele Rechtfertigungen der Menschen rund um uns, viel über den Krieg und die Aufbauphase danach, ich habe ein Bild davon als wäre es gestern gewesen.

Vermutlich ist das der Grund für die Bedrückung. Jörg Haider war im politischen Sinne für mich so etwas wie Nirvana, die mich zum Gitarrenrock-Grunge-Seattle-etc. gebracht haben. Ich hab den Tod Kurt Cobains nicht erlebt, nicht bewusst, aber Nirvana hat mich geprägt. Genauso Jörg Haider.

Man kannte Haider ja letztendlich nur in einer öffentlichen Pose. Als Madonna der österreichischen Innenpolitik. Statt mit Britney Spears wird da mit den Rechten Europas oder mit Arabern geschmust, so sicher wie der Aufstieg ist auch die ständige Neuerfindung. Wenn Madonna das Plattenlabel wechselt, dann gründet Haider gleich seinen Wählverein neu.

Was aktuell in Österreich umgeht, ist in vielen Fällen unverständlich und bizarr. Es ist die rosa-rote Brille des Vergessens und der Verklärung, die Haider posthum in einem neuen Licht erscheinen lässt. Wirklich? Nein, denn allerorts (natürlich eher in der intellektuell-bürgerlichen Journalisten und Bloggerszene) wird Unmut laut. Wird an Statements und Positionen über die Jahre erinnert, die so nicht akzeptabel waren und noch immer sind. Man muss sagen, der öffentliche Jörg Haider, war kein guter Mensch. Er war hart und mitleidslos, ideologisch in vielen Fällen daneben, hat für einen raschen Witz oder eine flüchtige Pointe gerne mal tiefste Schubladen geöffnet und war niemals konsequent und verlässlich in seinen Positionen.

Da fallen einem hunderte Anlässe ein, viele davon werden gerade jetzt ins Gedächtnis gerufen. Mir ist ein Ausschnitt aus dem Report von vor einigen Monaten gut im Gedächtnis, bei der er Gaby Schaunigg von der SPÖ vor laufenden Kameras bei einer öffentlichen Veranstaltung auf mieseste Art und Weise herabwürdigte und daraus politisches Kapital schlagen wollte. Er war ein Volkstribun der schlechteren Art, volksnah aber genauso rücksichtlos, gerade wenn es ums Geld ausgeben ging. Das gilt zumindest für den öffentlichen Jörg Haider.

Der private bleibt gut verborgen, denn über die Familie, seine wahre Persönlichkeit und seine schwachen Momente wurde wenig bekannt. Man könnte sogar meinen, er war einer der letzten Politiker dieser Art, denen grössere Enthüllungen erspart blieben. Angreifbar war er sicher, mindestens genauso wie Faymann in der Presse als “Maturant, der nie richtige Arbeit gemacht hat” dargestellt wurde.

Das ist es auch was mich verwundert, dass in dieser Situation viele über die Grenzen gehen und genau jenes Mitleid vermissen lassen, das nötig wäre um ehrlich für sich reklamieren zu können einen Hauch besser als Mensch zu sein, als es Jörg Haider war. Das Wort “Pietät” fällt wieder erstaunlich oft in den Medien. Armin Wolf hat seine Herangehensweise jüngst korrigiert und das stimmt mich versöhnlich, denn am Abend des Samstag, als er Stefan Petzner fragte ob Jörg Haider mit seinen politischen Ambitionen denn nicht gescheitert sei, war mir nicht verständlich warum das relevant sein sollte.

Jörg Haider bleibt, trotz und wegen seines Todes, einer der bedeutendstend Politiker dieses Landes. Nicht weil er besonders viel erreicht hätte, sondern eher weil er so konstant für etwas stand, was diesem Land über weite Strecken leider fehlt: einen leidenschaftlichen Politiker mit einer differenzierten Meinung. In vielen Fällen einer seltsamen, kruden, dummen Meinung, aber immerhin mit einer Meinung. Ein Politiker der so konsequent Nachwuchs aufgebaut hat, dass die Buberlpartie als Negativbeispiel für Nachwuchs herhalten muss.

Und das ist auch schon die große Faszination des Jörg Haider: immer sehr gegensätzlich. Denn ich finde es prinzipiell schon gut und richtig, dass jemand mit 27 die Führung einer Partei übernehmen kann (das passiert zu selten), gleichzeitig muss jeder klar denkende Mensch erkennen, dass jemand der so nah am Wasser gebaut ist, eine solche Position nicht lange ertragen kann.

Oder dass jemand, der nach übereinstimmenden Aussagen wenig bis gar nichts getrunken hat, mit 142 km/h und 1,8 Promille auf einer Landstrasse stirbt. Mit gebrochenem Rückgrat und abgetrenntem Arm. Weil er links überholt und nach rechts abdriftet, geradezu sinnbildlich für seinen politischen Kurs. In einem Auto namens Phaeton. An einem der wichtigsten Kärtner Feiertage, just 2 Wochen nachdem er eindrucksvoll aus der politischen Versenkung auferstanden ist. Ein Stoff aus dem Legenden sind. Der Mythos Haider wird gerade erst geschrieben und ich vermute, die Geschichte wird noch um einiges reicher werden.

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